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Momente purer Präzision

Verbunden in der Luft

Ein Sommermorgen bei Salzburg. Die Welt schläft noch, während ein dröhnender Ventilator die Stille zerreisst. Langsam füllt sich der gelbe Ballon mit Luft, und mit ihm steigen die Erwartungen. Roland, Norbert und Max stehen am Rand des Korbs – bereit für ein Abenteuer, das selbst in der Acro-Szene Seltenheitswert hat. Nicht der gemeinsame Sprung ins Leere ist das Besondere, sondern das, was danach kommt: atemberaubende, millimetergenaue Manöver im kappenrelativen Flug.

Der Moment des Absprungs

„Also, wir lassen uns auf maximale Höhe bringen, dann klettern Norbert und ich auf den Rand des Korbs. Max, du folgst uns kurz danach, und wir starten direkt mit den Figuren.“ Aus dem Korb hängen bereits drei rot-weisse Gleitschirme. Als sie die Zielhöhe erreichen, geben sich Roland und Norbert ein kurzes Zeichen, dann springen sie gleichzeitig im Rollover in die Tiefe. Max folgt Sekunden später. Norbert nähert sich schnell von hinten Roland an und hakt sich mit den Füssen an seinen Tragegurten ein, das Basismanöver „Kapperl“ steht. Nun dockt auch Max an und Roland geht über einen Side-by-Side in den Downplane-Track, steht also kopfüber unter seinen beiden Freunden. Drei Körper, drei Schirme – eine perfekt getaktete Choreografie.

In der Luft verbunden

Was wie Akrobatik aussieht, erfordert höchste Konzentration und blindes Vertrauen: „Weil wir fest miteinander verbunden sind, müssen wir uns zu hundert Prozent aufeinander verlassen“, erklärt Roland. Norbert ergänzt: „Wir fliegen nicht nur technisch verbunden, sondern auch mental – wir spüren einander in der Luft.“ Paul Doppler und Tom Hauthaler vom Team Freestyle haben dem Trio ihr selbstentwickeltes Verbindungssystem übergeben und ihnen beigebracht, wie sie diese Flugzustände erreichen. „Ohne das Know-how von den Renegades und dem Team Freestyle wäre das Ganze nicht möglich“, erklärt Roland und Norbert stimmt zu. Was ursprünglich als Experiment begann, ist heute eine neue Ausdrucksform im Gleitschirmsport. Ein Sinnbild dafür, was man erreichen kann, wenn man sich aufeinander verlässt.

„In dem Moment, wo wir verbunden sind, zählt nur noch Vertrauen. Du spürst, was der andere denkt – ohne dass jemand ein Wort sagt.“

Norbert Winkler

Magie in der Morgendämmerung

Die Stimmung an diesem Morgen über dem Salzburger Land ist magisch. Unten glitzert ein See im weichen Morgenlicht. Max, Roland und Norbert reihen ein Manöver an das nächste, präzise getaktet und harmonisch koordiniert. Jeder Meter Höhe wird effizient genutzt, denn während der Formationen ist die Sinkgeschwindigkeit enorm. Dann folgt das Finale: Norbert und Roland formieren sich ein letztes Mal und gehen in den Downplane über. Dieses Manöver kann nur zu zweit geflogen werden. Mit den Füssen fest verbunden stechen die beiden in berauschender Geschwindigkeit nach unten, während ihre Schirme im 90-Grad-Winkel nach aussen ziehen – ein spektakulärer Anblick.

„Kappenrelatives Fliegen ist wie ein Uhrwerk in der Luft – jede Bewegung muss exakt sitzen, sonst funktioniert das System nicht.“

Roland Brunnbauer

Technik, die Vertrauen verdient

Um diesen extremen Belastungen standzuhalten, braucht es spezielles Material. „Wir haben zum Beispiel die Leinen an unseren Schirmen verstärkt“, erinnert sich Roland. Überhaupt ist das richtige Equipment entscheidend, damit solche Manöver gelingen. Team Airbound fliegt deshalb mit dem Acro-Modell OMIKRON, das neben Stabilität auch zusätzliche Kunstflugfiguren an Shows ermöglicht. Die drei Schirme sind absolut identisch, damit sie im Flug exakt gleich reagieren.

„Wir sind stolz, dass wir diese Art des Fliegens weiterführen dürfen. So kann ein breites Publikum auch in Zukunft solche spektakulären Manöver bestaunen.“

Max Martini

Rückkehr zur Erde

Mittlerweile ist die Höhe aufgebraucht. Binnen weniger Minuten haben die drei Piloten mit ihren Manövern mehrere tausend Höhenmeter vernichtet. Hoch oben am Himmel schwebt der gelbe Ballon als winziger Punkt – es wird noch eine Weile dauern, bis er den Boden erreicht. Roland, Norbert und Max gleiten nun nebeneinander dahin und setzen zur Landung an. Es ist erst 7.30 und der Tag beginnt für die meisten erst. Das Team freut sich gemeinsam über dieses besondere Training mit dem Ballon, das ihm deutlich mehr Arbeitshöhe verschafft hat, als es von seinen gewohnten Flügen am Berg kennt.

Die Pioniere der Disziplin

Was heute bei Team Airbound spektakulär aussieht, hat seinen Ursprung bei den Pionieren der Szene: Team Renegade und Team Freestyle. Sie übertrugen ab dem Jahr 2000 das Prinzip des kappenrelativen Fliegens – fest verbundene Piloten in der Luft – vom Fallschirm- auf den Gleitschirmsport. Mit Neugier, Tests und unzähligen Flugstunden machten sie möglich, was zuvor undenkbar war. 2023 übergaben sie ihr selbst entwickeltes Verbindungssystem und ihr Wissen an Roland und Norbert – die Geburtsstunde von Team Airbound. Vor einem Jahr stiess Max dazu. Seither entwickelt das Trio die Disziplin weiter und begeistert mit eindrücklichen Shows.

Aerodynamik am Limit

Beim sogenannten Downplane-Track fliegen zwei verbundene Schirme scheinbar kopfüber gegeneinander – ein Anblick, der selbst erfahrene Piloten staunen lässt. Doch warum kollabiert dabei der untere Schirm nicht? Die Antwort liegt in der Aerodynamik: Beide Schirme erzeugen Auftrieb in entgegengesetzte Richtungen, was zu einer hohen Relativgeschwindigkeit im Gesamtsystem führt. Diese Geschwindigkeit sorgt dafür, dass auch im ungewöhnlichen Flugwinkel genügend Staudruck im Inneren der Kappen entsteht – und sie offen bleiben.

Das Team

Norbert Winkler

Norbert ist professioneller Acro-Pilot und Mitgründer des Teams „Airbound“. Mit atemberaubenden Flugmanövern fordert er die Gesetze der Physik heraus. Gemeinsam mit Roland erkämpft er sich regelmässig Podiumsplätze bei internationalen Synchro-Wettbewerben.

Max Martini

Der talentierte Acro-Pilot aus Brasilien ist seit Oktober das dritte und neuste Mitglied des Teams „Airbound“. Zudem arbeitet Max als Tandempilot und Sicherheitstrainer und hat sich durch seinen Youtube-Kanal einen Namen gemacht.

Roland Brunnbauer

In der Acro-Szene ist Roland alles andere als ein Unbekannter. Spätestens seit seinem zweiten Platz an den Synchro-Weltmeisterschaften 2021 hat er sein Talent unter Beweis gestellt.