Ein Skiunfall verändert alles. Fünf Jahre lang kämpft sich die Alpinistin Melanie Grünwald zurück – Schritt für Schritt, Flug für Flug. Am Ende steht sie auf dem höchsten Gipfel der Alpen – dank dem Gleitschirm.
„Seien Sie froh, dass Sie überhaupt noch gehen können.“ Ich sitze in der Praxis, an meinem 28. Geburtstag, und schaffe kaum 2’000 Schritte am Tag. Die Worte des Arztes hallen nach – mein Bewegungsdrang, mein Leben in den Bergen: Vergangenheit? Ich bin in den Alpen aufgewachsen. Mit sechs stand ich auf meinem ersten Dreitausender, mit zwölf auf einem Viertausender. Bewegung war Identität, die Berge mein Zuhause. Ich liebte die Schönheit, die Anstrengung, den Fokus, das Leiden, das Glück am Gipfel – und den Moment, in dem
man wieder sicher unten ist.
Stillstand
Doch ein eigentlich harmloser Skiunfall 2019 führte zu drei missglückten Knieoperationen und fünf Jahren chronischem Schmerz. Kein Schritt ohne Schmerzen, kein Aufstehen ohne Mühe. Schmerzmittel, Gewichtsverlust, Hoffnungslosigkeit. „Da geht nichts mehr“, hiess es. Und ich fiel – tiefer als je zuvor. In der Schmerzklinik fasste ich einen stillen Entschluss: Ich würde zurückkehren. In die Berge. Irgendwie.
Millimeter um Millimeter
Dann, ohne mein Wissen, meldeten mich Freunde für einen Gleitschirmkurs an. Vielleicht konnte ich ja fliegen, wenn ich nicht mehr wandern konnte? März 2022. Ich stehe im Zillertal auf dem Übungshang. Der Schirm liegt bereit. Doch der Schmerz ist stärker. Ich gebe auf. Nicht nur das Fliegen – alles scheint verloren. Doch ein letzter, risikoreicher Eingriff gibt mir eine winzige Chance. 60 Tage liege ich im Bett, kämpfe um Millimeter. Jeder Fortschritt: Sieg. Millimeter werden zu Schritten, zu zehn Minuten Gehen, dann Joggen, kleine Wanderungen. Und irgendwann – Fliegen.
Wenn Gehen nicht mehr geht – flieg
Ich baue einen Van, nehme mir drei Monate frei. In Garda bekomme ich einen Tandemflug geschenkt. Was als Ablenkung begann, wird zur Offenbarung. Ich bin süchtig. Ich will mehr. Acht Tage habe ich, um in Werfenweng meinen Schein zu machen. Ich fliege, lerne, laufe, studiere Theorie nachts im Van – und schaffe es. Eine neue Welt tut sich auf:
Hike & Fly.
Neue Freiheit
Mit meinem PI 3 (21 m²) wandere ich schmerzfrei hoch und fliege runter – schnell, leicht, ohne Knieschmerz. Ich fliege in Millau, Annecy, verliebe mich in das Spiel mit den Thermiken. Fliegen ersetzt das, was ich verloren glaubte. Als ich mit 200 Flügen nach Chamonix ziehe, beginnt das nächste Kapitel. Die Mer de Glace, die Nordwand der Aiguille du Midi, Mont Blanc – mein Grossvater stand neunmal oben. Ich will ihm folgen. In meinem Tempo, von ganz unten, in einem Zug, mit Flug vom Gipfel.
Der grosse Tag
Nach intensiver Vorbereitung – täglich 2'000 Hm, Vertical KMs und Training mit dem kleineren Pi3 16 m² – breche ich zum magischen Gipfel auf. Doch bei 4’300 m ist Schluss. Dehydriert, leer. Ich fliege trotzdem – und der Flug ist magisch. Alles, was nicht geklappt hat, ist plötzlich egal. Denn mein Knie war nicht das Problem.
Der Flug meines Lebens
Eine Woche später: zweiter Versuch. Ich starte um Mitternacht, laufe durch die Nacht, geniesse einen spektakulären Sonnenaufgang am Dôme, bin alleine, ruhig, bereit. 7:40 h nach dem Start stehe ich oben. 4’807 Höhenmeter. Ich, die vor drei Jahren um Millimeter kämpfte, stehe auf dem höchsten Punkt der Alpen. Der Rückflug ist wie ein Siegeslauf. Die Luft unter meinen Füssen, das Weiss unter mir, mein Herz voll. Ich bin zurückgekehrt. Nicht als dieselbe – sondern mit Flügeln.
Ausrüstung
Aufgewachsen in den österreichischen Alpen, lebt sie heute in Chamonix. Als Bergsteigerin, Abenteurerin und Pilotin steht sie für Mut, Ausdauer und Gleichberechtigung im Bergsport.